Das besondere Zitat am Freitag: Strindberg über Besitz. Mit Illustration von Susanne Haun

Nichts bindet den Geist so stark wie Besitz. Die Furcht vor Weiterlesen

Advertisements

In der Finsternis : Thriller / Sandrone Dazieri. Aus dem Italienischen von Claudia Franz

Aus dem Italienischen von Claudia Franz. Piper, München 2015, 560 Seiten, 19,99 €.

»Die Welt ist eine gewölbte Wand aus grauem Beton«

Spannungsliteratur aus Italien hat sich längst auf dem deutschsprachigen Markt etabliert, auch jenseits des sizilianischen Schriftstellers Andrea Camilleri, der nunmehr seit fast vierzig Jahren aktiv ist und von dem jedes Jahr gleich mehrere Bücher bei uns erscheinen. Massimo Carlotto, Gianrico Carofiglio, Roberto Costantini, Giancarlo de Cataldo, Giorgio Faletti, Carlo Lucarelli, Marco Malvaldi – vom beschaulichen Regiokrimi, dessen Cover Zypressenhaine zieren, über den Mafia-Roman bis hin zum blutigen Thriller ist alles dabei (einen Überblick gibt es bei Thomas Wörtches kaliber.38 und auf der Krimi-Couch). Sandrone Dazieri ist bislang vor allem mit einer Noir-Reihe in Erscheinung getreten (deren ersten beiden Teile auf Deutsch bei Grafit erschienen, inzwischen aber nicht mehr lieferbar sind). Nun sorgt er mit dem Thriller In der Finsternis für Furore – hoffentlich auch hierzulande.

Dazieri, 1964 in Cremona geboren, hat vieles in seinem Leben gemacht: Er ist gelernter Koch, gehörte der Hausbesetzerszene an, schrieb Kinderbücher, arbeitete als Journalist und als Lektor, Letzteres bei Mondadori, dem größten Verlagshaus Italiens, für das er auch heute noch als Berater tätig ist. Und er ist Drehbuchautor – eine Erfahrung, die sich unverkennbar auf sein Schreiben niederschlägt. Gekonnt spielt er in seinem neuesten Roman mit der Synchronizität von Ereignissen, die zeitlupenhafte Schilderung einer Explosion ist emblematisch hierfür: Wenige Sekunden werden auf zehn Seiten ausgedehnt, der Blick des Erzählers kommt einer Kamerafahrt gleich. Solche narrativen Extravaganzen sind rar, dafür aber umso wirkungsvoller. Und auch die auktoriale Perspektive, dank der man immer gleichzeitig in mehrere Figuren blickt, verleiht dem Thriller etwas Unmittelbares, Rasantes, eben Filmisches.

Aber kommen wir zur Story. Es ist Anfang September in Rom, Familien fahren raus in die Natur, um zu picknicken. Für eine von ihnen kehrt sich das Idyll jedoch in sein Gegenteil um: Ein verwirrter Mann wird auf der Straße aufgegriffen, kurz darauf wird seine Frau enthauptet im Wald gefunden, vom sechsjährigen Sohn Luca fehlt jede Spur. Für den Staatsanwalt steht bald Weiterlesen

Totenreich und Hölle (Ein Gastbeitrag im Rahmen von 5 Jahre Jargsblog)

Wohin auch immer wir reisen, wir suchen, wovon wir träumten, und finden doch stets nur uns
(Günter Kunert)

Da uns Buchfeen jede Vorstellung einer Hölle fehlt, finden wir es spannend, wie die Menschen von diesem imaginären Ort besessen waren und sind. “Masochistische Gedankengifte!”, meinte Siri. Erstaunlich ist, wie die Hölle als kalt und dann als brennend heiß gesehen wurde. Aber in einem Ort, dessen Vorstellung über Jahrhunderte der Disziplinierung der armen Christenmenschen diente, kann man eben alles hineinsehen, die Hauptsache war, er ließ den Sünder erschauern.

KÄLTE

Der älteste überlieferte „Reisebericht“ vom Norden stammt von dem Geografen Pytheas von Massilia (das heutige Marseille). Pytheas (380-310 BC) brillierte als Beobachter, der als erster feststellte, dass die Gezeiten vom Lauf des Monds abhängen, außerdem geht die Astronavigation auf ihn zurück. Er prägte nicht nur den Begriff „Ultima Thule“, sondern gab zudem vor, auf seinen Reisen diesen Ort gesehen zu haben. Freilich stellt sich die Frage wie bei allen Reisenden bis hin zu Marco Polo, welche Reisen er gemeint hat – die inneren oder die äußeren? Wie weit Pytheas in den Norden kam, weiß niemand. Sicher ist, dass er die Antike am Norden interessierte. Gebildete kannten damals den Arktoi, den Eisbären, dessen vage Vorstellung man wie die Götter an den Himmel projizierte. Es bürgerte sich ein, das Land unter dem Sternbild des Bären „Arktis“ zu nennen. Sie galt als letzter Außenposten vor dem Abbruch der Welt ins Nichts, wo bekanntlich die Schiffe herunterfallen, wenn sie weitersegelten, nachdem der unselige Kapitän seine Kleider in Panik zerfetzte und sich den Bart ausriss, wie es in arabischen Erzählungen beschrieben wird (z.B. in der Geschichte von Sindbad). Hier fällt der Seefahrer ins Totenreich, das nach antiker Vorstellung ein Ort des kalten Nebels ist, eine eisige Hölle.

Das geologische Ende Europas, die 7 Inseln vor Nord-Spitzbergen

Charakteristisch für das frühe Bild des Nordens ist, dass das Unbekannte eine Projektionsfläche darstellt, auf der sich Inhalte unbewusster Ängste darstellen. Im Unbewussten sedimentieren Vorstellungen, die zu Weiterlesen

Still Alice – Über die Würde im Zeichen der Krankheit


(Filmplakat: © 2015 Polyband)

Im Rahmen der Blogbeiträge zu „5 Jahre Jargsblog“ erscheint heute zum ersten Mal eine Rezension zu einem Film, den es noch nicht auf DVD gibt – und der am 5. März in den deutschen Kinos starten wird. Gastautor Simon Kyprianou ist Autor der Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“, die sich dem Filmerbe bis 1965 widmet, sowie Gastautor des Filmblogs „Die Nacht der lebenden Texte“.

Drama // Dr. Alice Howland (Julianne Moore) ist eine Frau in den besten Jahren, mitten im Leben, in einer glücklichen Ehe mit John (Alec Baldwin), Mutter von drei erwachsenen Kindern (Kristen Stewart, Kate Bosworth, Hunter Parrish). Sie ist Professorin für Linguistik in New York, eine energiegeladene, aktive Persönlichkeit. Doch immer öfter aber spielt ihre Erinnerung ihr Streiche. Ein Besuch beim Neurologen bringt die erschütternde Diagnose: Alzheimer. Von da an Weiterlesen

Über Jarg allein zu Haus, die unerträgliche Verlockung voller Kühlschränke und eine Kinoempfehlung

Ich habe ja nie so recht verstanden, warum es in Hamburg Skiferien gibt. Skiferien? In Hamburg?? Ja, Sie haben richtig gelesen: Skiferien. So nannten wir es damals jedenfalls. Meine Familie und die meisten meiner Altersgenossen fuhren allerdings in diesen offiziell Frühjahrsferien genannten, meistens aber komplett verregneten und naßkalten Urlaubszeiten nie zum Skifahren. Höchstens Eislaufen war drin. Mit Glück auf der zugefrorenen Alster, wenn auch selten. Meiner Vermutung nach hat Hamburg deshalb so früh Ferien, weil irgendwann in den 1950er Jahren einige Hamburger Honoratioren das lobbygeneralstabsmäßig höchst oben durchdrückten, damit ihre aufs Johanneum gehenden Sprösslinge, die dereinst die gutgehende Kanzlei (oder Arztpraxis oder Privatbank oder Reederei) übernehmen würden, mit Papa 300er Benz und Papas Chauffeur am Steuer in den Alpen abhängen konnten, bevor der niedere Plebs aus anderen Bundesländern dort einfiel. Ich ging derweil mit meinem besten Freund H. in die Fossiliensammlung des Geomatikums oder auf Butterfahrt nach Sonderburg – was immer schön war und komplett arztkinderfrei.

Es nutzt nun natürlich alle graue Theorie nichts, wenn wieder die Ski- oder Frühjahrsferien anstehen und die freie Zeit außerhalb der Schule gefüllt sein will. Also fährt die hamburgische Familie richtigerweise in den Süden. Natürlich Weiterlesen

Gastbeitrag: Hans Fallada – Eine Liebeserklärung

Ein Gastbeitrag zur „5 Jahre Jargsblog“ von Heike Pohl (Textwerk)

Lieber Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen,

es hat eine ganze Weile gedauert, bis unser beider Wege einander kreuzten. Zu verdanken habe ich diese Zufallsbekanntschaft
dem Aufbau Verlag und der Wiederentdeckung Ihres wunderbaren Romans „Jeder stirbt für sich allein“. Namentlich sind Sie mir freilich längst zuvor begegnet und ich wünschte, Ihr bewegender und zugleich beängstigender Roman würde zur Pflichtlektüre an deutschen Schulen.

Sie haben, wie ich lesen darf, ein recht bewegtes Leben hinter sich, waren morphium- und alkoholabhängig, haben mit Weiterlesen