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Der Geschmack von Laub und Erde : Wie ich versuchte, als Tier zu leben / Charles Forster

Wenn wir alle oft genug über Grenzen hinwegpendeln, wird die Welt vielleicht doch nicht auseinanderfallen. (S. 95)

Der britische Professor für Ethik und Rechtsmedizin, zugleich Tierarzt, Anwalt und Teilnehmer am Marathon de Sable, möchte wissen, wie Tiere empfinden, wie sie Leben und ihre Welt wahrnehmen. Um sich der Gedanken-, Gefühls- und Erlebniswelt von Tieren anzunähern, trifft er den Entschluss für ein kühnes Experiment: er wird versuchen, ihr Leben so genau wie möglich nachzuahmen. Die Tierarten, die er sich dafür aussucht, können unterschiedlicher nicht sein: Dachs, Otter, Fuchs, Rothirsch und Mauersegler unterscheiden sich in ihren Lebensweisen und Habitaten weit voneinander.

Es beunruhigt mich, dass ich in der Welt womöglich ganz allein bin: dass das Andere völlig unzugänglich ist. […] Wenn ich eine Beziehung zu einem nicht menschlichen Lebewesen aufbauen kann, besteht Grund zum Optimismus hinsichtlich meiner Beziehungen zu Menschen. Kann ich eine Bindung mit einem Mauersegler eingehen, dann bin ich vielleicht auch bei meinen Kindern dazu in der Lage. Ich könnte zwar nicht mit euklidischer Strenge beweisen, dass ich tatsächlich eine Beziehung zu einem Mauersegler unterhalte, das stimmt. Aber die Beziehung zwischen Mensch und Tier wäre eine unkompliziertere als die zwischen zwei Menschen, da kaum von Gefühlswirrwarr überlagert. Das heißt: Vielleicht ist es einfacher, sich zu versichern, dass eine Mensch-Tier-Beziehung existiert. Falls das zutrifft und falls sie sich genauso anfühlt wie eine zwischenmenschliche Beziehung, könnte ich meine Kinder mit weniger Zweifel im Herzen lieben. (S. 275)

Über Monate bricht Foster aus seinem normalen Leben aus: so haust er – zum Teil mit seinem achtjährigen Sohn – wie ein Dachs in einem Bau unter der Erde, schläft am Tag und wacht nachts und erlebt, wie sich seine Sinne immer weiter schärfen und er am Ende in der Lage ist, seinem Sohn, der einen Pfad entlanggekrochen ist, nach zwanzig Minuten nur mit der Nase am Boden zu folgen. Wie stark die Welt der Dachse von Gehör und Geruch geprägt ist, erschliesst sich ihm als menschliches Wesen trotzdem erst nach Wochen und auch nur annäherungsweise. Sein Sohn Tom ist da weiter, kann seinen Geruchssinn schnell durch rasches, mehrmaliges und lautstarkes Einsaugen der Luft mit der Nase soweit ausbilden, dass er auch Bodenhöhe ein Netzwerk von Wühlmauswegen erschnuppern kann. Sein Sohn ist es auch, der sich traut, an Schnecken zu lecken, Grashüpfer zu zerkauen und Regenwürmer zu schlürfen. Erst im Winter scheitern sie, da sie anders als die Dachse der nassen Kälte im Bau nichts entgegensetzen können.

Foster versucht danach, in die völlig andere, hektische Lebenswelt von Ottern einzutauchen, versucht unter Wasser Fische mit den Zähnen zu fangen und zusammen mit seinen Kindern in ähnlicher Weise wie Otter die Gegend zu markieren – was nicht auf Anhieb klappt, da der menschliche Darm anderen Gesetzen gehorcht. Schnell wird ihm klar, dass Otter zu sein bedeutet, „wie auf Speed zu sein“. Er springt nackt in eine Gumpe voller Lachsmännchen und taucht – bedeckt von Schaum aus Eintagsfliegen – wieder auf, um sich von den Sinnesreizen zunächst völlig überfordert zu sehen. Als ein Schnurrbart nicht die erforderliche Hilfe beim Gründeln gibt, lässt er seine Finger die Rolle der Schnurrhaare übernehmen, um am Ende ein paar Bachforellen zu erwischen und es nicht über sich zu bringen, einen in seinen Mund geschwommenen Stichling zu zerbeissen.

Ähnlich nähert er sich auch dem Rothirsch, dem Fuchs und dem Mauersegler an: er entdeckt, wie ungeheuer reizempfindlich und zugleich tolerant die mittlerweile auch in Städten zu findenden Füchse sind, liegt in Hinterhöfen herum, wühlt in Müllsäcken und jagt Mäuse:

Die Füchse gehen nach folgender Methode vor: auskundschaften, wo die Wühlmauspfade sind; auf ein Quieken lauschen; Kopf und/oder Ohren bewegen, um eine Kreuzpeilung zu erhalten; falls nötig, durch Lauschen auf einen tieferen und damit leicht hörbareren Ton wie das Rascheln trockener Blätter ergänzen; die Entfernung magnetisch messen; springen; winzige visuelle Korrekturen vornehmen; töten. Meine Methode war: auskundschaften, wo die Wühlmauspfade waren, und mich breitbeinig darüberstellen; warten, ob sich ein Grashalm bewegte oder etwas raschelte; mich unvermittelt und hoffnungsvoll fallen lassen und mit dem Gesicht nach unten in Mäusekötteln landen; danebengreifen; mich abwischen; den argwöhnischen Versuch unternehmen, einer Gruppe besorgter Mitbürger, die sich argwöhnisch in der Nähe zusammengescharrt hatten, mein Tun zu erklären; abhauen, bevor die Polizei eintraf. (S. 185 f).

Kaum nähern kann er sich dem Mauersegler, diesem rasenden Vogel, dessen Leben sich fast ausschliesslich in der Luft stattfindet und ihm seine eigene Plumpheit immer wieder vor Augen führt. Und auch beim Rothirsch konnte er sich kaum die Gefühle von Furcht und Bedrohtheit annähern, die Weltsicht, die sich selbst als verletzliches Opfer sieht, nur durch intellektuelle Anstrengung zu seiner machen.

Charles Foster ist ein bemerkenswertes, sehr intensives Buch gelungen über den Versuch, sich als Mensch mit allen Sinnen so weit wie möglich der Lebenswelt von Tieren anzunähern und in ihre Rollen, ihre -weltwahrnehmung zu schlüpfen. Damit kommt er nicht nur den Tieren zuweilen erstaunlich nah, sondern auch dem, was das Menschsein ausmacht, dass unter der Oberfläche zivilisatorischer Zurichtungen verborgen liegt. Dort entdeckt er für uns erstaunliche Fähigkeiten ebenso wie erstaunliches Unvermögen und macht so die spezifischen Grenzen und Möglichkeiten des Tieres Mensch ebenso sichtbar wie die faszinierenden Eigenschaften der Tiere, deren Rollen er einnimmt.

Wir sind Geschöpfe mit einem ausgeprägten Gesichtssinn. Wir wollen Dinge „ins Auge fassen“ – darin sind wir gut. Wenn das nicht geht, geraten wir in Panik. Panikreaktionen sind typisch für uns, wenn wir das nicht tun können, wofür wir gut sind. Deshalb sind Büromenschen, die eigentlich die natürliche Veranlagung haben, verwundete Kudus zu erjagen, ängstlich und mit Medikamenten vollgepumpt. (S. 213)

Mit dem Schritt in die Nähe des Tieres im steten Versuch, so wie es selbst zu sein, macht er aber am Ende etwas ganz besonderes:er versichert sich und uns des gemeinsamen Ursprungs, der Kern aller Empathie ist und sowohl die Nähe zu Tieren und Menschen erst möglich macht. Im Umkehrschluss wird deutlich, welche Fähigkeiten in uns schlummern, ja durch unser naturfernes Leben verschüttet wurden.

Eine überaus intensive, hochphilosophische und dabei sinnlich sehr konkrete Leseerfahrung, die ich sehr empfehlen kann.

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5 Kommentare zu “Der Geschmack von Laub und Erde : Wie ich versuchte, als Tier zu leben / Charles Forster

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